Das Hörgerät: Luxus für die Ohren

Seit dem 19. Jahrhundert bedienen sich Menschen unterschiedlicher Hörhilfen. Seinen Anfang nahm alles mit trichterförmigen Rohren, die einfach in Richtung der Geräuschquelle gerichtet wurden und als Verstärker fungierten. In den 1890er Jahren lösten die ersten Geräte mit elektrischer Unterstützung die sperrigen Hörtrichter ab. Die Technik entwickelte sich kontinuierlich weiter - doch richtig ansehnlich waren Hörgeräte nie. Jetzt, 120 Jahre später, neigen sich die Zeiten, in denen TrägerInnen von Hörgeräten stigmatisiert werden, ihrem Ende entgegen.

Bereits die Produktbeschreibungen lesen sich wie ein Lifestyle-Produkt: Von einem „polierten Gehäuse, das ein seidiges Gefühl vermittelt“ und einem „über Jahre anhaltenden schimmernden Glanz der Oberfläche“ ist die Rede, das hochwertige schicke Keramikgehäuse verspricht eine attraktive Ästhetik. Neue technische Lösungen, unauffällige In-ear-Geräte und optimale Klanglösungen, die dank millimetergenauer Anfertigung durch Lasertechnologie ein natürliches Hörempfinden ermöglichen, holen die Geräte und ihre Besitzer aus der unliebsamen Nische medizinischer Hilfsmittel und erlauben den TrägerInnen eine neuartige gesellschaftliche Teilhabe. Mit bunten Farbgebungen wird das selbstbewusste Tragen direkt mitgeliefert.

Akustik, die begeistert

Aufgrund der relativ hohen Hemmschwelle, ein Hörgerät zu nutzen - nur 20 % der Deutschen, die schlecht hören, tragen auch ein Hörgerät - tüfteln die Hersteller an immer kompakteren Lösungen, die optisch schon fast einem Bluetooth-Headset gleichen. Besondere Beachtung kommt dabei den In-ear-Geräten zu, die in der Vergangenheit aufgrund der auftretenden Rückkopplungseffekte nur bedingt einsatzfähig war. Stand stets die Entscheidung zwischen einer großen, wenig ansprechenden Bauweise mit hoher Leistung und einem kompakten ästhetischen Modell, das unter Umständen Leistungseinbußen mit sich bringt, im Raum, konnte in den vergangenen Jahren die Einsatzbereiche der In-ear-Technik auf größere Beeinträchtigungen ausgeweitet werden.

Auch begegnen moderne Geräte den einst massiven Einschränkungen bei der Kompensation von Hörbeeinträchtigungen im Rahmen eines allgemein hohen Umgebungsgeräuschpegels, souverän. Neue Modelle bieten sogar ein akustisches Hörerlebnis, das teilweise besser ist als gesunde Ohren.

Auch Hörgeräte sind Teil der vernetzten Welt

Zusatzgeräte erweitern den Funktionsumfang der Hörgeräte weiter und erleichtern den Trägern den Alltag ungemein. Über Bluetooth lassen sich verschiedene Audiosignale des Smartphones auf das Hörgerät schicken, FM-Anlagen übertragen Sprachsignale in Konferenz- oder Klassenräumen direkt an das mit einem Audioschuh ausgestattete Hörgerät. Die neueste Generation der smarten Hörgeräte lässt sich sogar durch Haushaltsgeräte ansprechen und kann Durchsagen an Bahnhöfen direkt im Ohr wiedergeben. Durch geräteeigene Apps erfolgt eine drahtlose Verbindung zum Smartphone, mithilfe der die Lautstärke der Umgebungsgeräusche und vieles mehr direkt durch den Nutzer gesteuert werden kann, ohne das Hörgerät selbst in die Hand zu nehmen. Der Funktionsumfang weckt schon jetzt Assoziationen zu Fitness-Armbändern und anderen Wearables, längst gibt es WiFi-Zubehör, das die Nutzung weiter erleichtert. Dabei scheint das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht, treten Hörgeräte doch gerade erst mit den ersten Schritten aus der Ecke mit ihren TrägerInnen, die stets mitleidige Blicke ernten.

Zukunftsmusik

Und in Zukunft? Erste Tests mit der Injektion von Stammzellen direkt in das Ohr führten zur Verbesserung des Hörvermögens. Innerhalb der nächsten zehn Jahre gibt es eventuell Geräte, die den menschlichen Körper als Energiequelle nutzen und gar keine Batterie mehr benötigen. Die Geräte können noch kompakter oder gleich implantiert werden. Auf jeden Fall verschwinden sie vollständig im Ohr und eine Vernetzung mit der Außenwelt ist ohne sichtbare Geräte möglich. So lange dies jedoch noch Zukunftsmusik ist, spielt die Ästhetik eine tragende Rolle - und die ist bei aktuellen Modellen ebenso wie die technische Leistung beeindruckend.